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75 Jahre Medizin unter der Zunge: Was sublinguale Verabreichung leisten kann

Eine umfassende historische Übersicht zeigt, wie die sublinguale und bukkale Arzneimittelverabreichung sich von Steroiden bis hin zu Nanopartikeln entwickelt hat – unter Umgehung des First-Pass-Metabolismus.

Montag, 27. April 2026 3 Aufrufe
Veröffentlicht in Pharmaceutics
Close-up of a person placing a small white tablet under their tongue, mouth open, with clinical lighting and a blurred pharmacy background

Zusammenfassung

Diese Übersichtsarbeit vom University of Tennessee Health Science Center verfolgt 75 Jahre Forschung zur sublingualen und bukkalen Wirkstoffverabreichung – von frühen Experimenten mit Steroiden und Heparin in den 1950er-Jahren bis hin zu heutigen Nanopartikel- und mukoadhäsiven Filmtechnologien. Die Autoren identifizieren vier unterschiedliche Wachstumsphasen in der wissenschaftlichen Literatur und katalogisieren, wie Wirkstoffe wie Nitroglycerin, Nifedipin, Buprenorphin und Fentanyl für die orale mukosale Verabreichung entwickelt wurden, um den Leberstoffwechsel zu umgehen und einen schnelleren Wirkungseintritt zu erzielen. Zu den modernen Innovationen zählen mehrschichtige mukoadhäsive Systeme, schnell auflösende Filme für Kinder, Immuntherapie-Verabreichung, Cannabinoide, Antipsychotika sowie bukkale Vitamin-D3-Sprays. Die Übersichtsarbeit beleuchtet sowohl das Potenzial als auch die anhaltenden Herausforderungen dieses Verabreichungswegs, darunter die begrenzte Oberfläche, das Auswaschen durch Speichel und der enzymatische Abbau.

Detaillierte Zusammenfassung

Die sublinguale und buccale Arzneimittelverabreichung nimmt eine einzigartige pharmakologische Nische ein: Arzneimittel, die unter die Zunge oder an die Wange gelegt werden, werden direkt in das dichte Gefäßnetz der Mundschleimhaut aufgenommen und gelangen in den systemischen Kreislauf, ohne den Magen-Darm-Trakt zu passieren oder einen hepatischen First-Pass-Metabolismus zu durchlaufen. Dieser Review von Bahraminejad und Almoazen am University of Tennessee Health Science Center liefert eine umfassende bibliometrische und wissenschaftliche Analyse dieses Fachgebiets für den Zeitraum von 1950 bis 2025. Dabei werden vier verschiedene Wachstumsphasen bei der Publikationstätigkeit identifiziert, wobei PubMed als primäre Datenquelle verwendet wurde, ergänzt durch Scopus, Web of Science sowie regulatorische Dokumente der FDA, EMA und WHO.

Die früheste Phase (1950–1982) war durch explorative und weitgehend erfolglose Versuche gekennzeichnet. Sublinguales Heparin scheiterte an einer unzuverlässigen Resorption über 30–40 Zellschichten bis zur Gefäßversorgung der Lamina propria. Buccale Alpha-Amylase als Entzündungshemmer wurde aufgrund der großen Molekülgröße und der vernachlässigbaren Schleimhautpermeabilität aufgegeben. Die Resorptionskinetik von Propranolol auf sublingualem Weg zeigte zwar eine Kinetik erster Ordnung, jedoch eine erhebliche interindividuelle Variabilität. Diese Misserfolge waren lehrreich, da sie die grundlegenden physikochemischen Anforderungen offenbarten – geringe Molekülmasse, ausreichende Lipophilie und Stabilität im oralen Milieu –, die die künftige Entwicklung leiten sollten.

Die explorative Wachstumsphase (1983–1993) brachte die ersten großen klinischen Erfolge auf diesem Gebiet. Sublinguale und buccale Nitroglycerin-Präparate wurden zu Eckpfeilern der Angina-pectoris-Behandlung, wobei buccales NTG (Susadrin) trotz seines letztendlichen kommerziellen Scheiterns eine anhaltende Wirkstofffreisetzung über mehrere Stunden bot. Sublinguales Nifedipin zeigte bei hypertensiven Notfällen eine Wirksamkeit von annähernd 98 % hinsichtlich des Erreichens des Zielblutdrucks, während sublinguales Captopril im Vergleich zur oralen Verabreichung eine kürzere Zeit bis zur maximalen Konzentration aufwies. Buccales Verapamil erzielte trotz einer oralen Bioverfügbarkeit von lediglich 10–20 % pharmakokinetische Profile, die einer intravenösen Verabreichung ähnelten. Die Opioidforschung intensivierte sich, da Kliniker Alternativen zu Injektionen bei Tumorschmerzen suchten; Buprenorphin und Fentanyl erwiesen sich aufgrund ihrer hohen Lipophilie und der günstigen Schleimhautresorption unter alkalischen pH-Bedingungen als vielversprechende Kandidaten.

Die Phase der Diversifizierung und Entdeckung (1994–2009) führte kleine Moleküle zur Behandlung von Opioidgebrauchsstörungen ein, erweiterte pharmakokinetische Tiermodellstudien und erlebte die ersten bedeutenden FDA-Zulassungen in diesem Bereich. Permeationsverstärker – darunter Fettsäuren, Gallensalze und Tenside – wurden systematisch untersucht, um die lipophile Schleimhautbarriere für Peptide und Hormone zu überwinden. Es wurde gezeigt, dass die Permeabilitätskoeffizienten von Peptiden wie Thyreotropin-Releasing-Hormon und Desmopressin deutlich niedriger waren als die kleiner lipophiler Moleküle, was die Herausforderung quantifizierte. Mucoadhäsive Pflaster und Retardtabletten, die Hormone über 6–12 Stunden freisetzen konnten, erwiesen sich als praktische Lösungen gegen den Speichelauswascheffekt.

Die Innovations- und Integrationsphase (2010–2025) stellt die technologisch ausgefeilteste Ära dar. Nanopartikelbasierte Systeme, mehrschichtige mucoadhäsive Filme und schnell lösliche pädiatrische Formulierungen haben die therapeutische Bandbreite erheblich erweitert. Zu den von der FDA zugelassenen Produkten zählen heute neue Fentanyl-Formulierungen gegen Durchbruchschmerzen bei Tumorerkrankungen, Diazepam-Nasal- und -Buccalprodukte zur Notfallbehandlung von Anfällen, sublinguales Buprenorphin bei Opioidgebrauchsstörungen sowie buccale Vitamin-D3-Sprays. Die Immuntherapie und Impfstoffverabreichung über die Mundschleimhaut stellen eine Anwendung im Bereich der Forschung dar. Der Review stellt fest, dass das nicht verhornte sublinguale Gewebe der Mundschleimhaut eine höhere Permeabilität aufweist als das buccale Gewebe, was es für Arzneimittel mit schnellem Wirkungseintritt bevorzugt, während die vergleichsweise immobile Buccalschleimhaut besser für mucoadhäsive Retardsysteme geeignet ist.

Aus klinischer Sicht unterstreicht der Review, dass die für diesen Verabreichungsweg am besten geeigneten Arzneimittelkandidaten gemeinsame Schlüsseleigenschaften aufweisen: eine Molekülmasse von unter etwa 500 Da, ausreichende Lipophilie (log P 1–3), Stabilität beim oralen pH-Wert sowie eine geringe enzymatische Anfälligkeit. Anhaltende Herausforderungen umfassen die kleine Resorptionsfläche, die kontinuierliche Verdünnung und Auswaschung durch Speichel, die Unverträglichkeit längerer Retentionsvorrichtungen bei Patienten sowie die Ungeeignetheit dieses Wegs für kognitiv beeinträchtigte oder bewusstlose Patienten. Die Autoren schlussfolgern, dass die sublinguale und buccale Verabreichung eine wachsende, klinisch bedeutsame Alternative zu oralen und parenteralen Verabreichungswegen darstellt, mit besonderer Relevanz für Arzneimittel, die einen schnellen Wirkungseintritt, eine Umgehung des First-Pass-Effekts oder eine Überbrückung des Magen-Darm-Trakts erfordern.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Sublingual nifedipine achieved approximately 98% efficacy in reaching target blood pressure in hypertensive emergencies, rivaling parenteral approaches without continuous hemodynamic monitoring
  • Oral verapamil has only 10–20% systemic bioavailability due to first-pass metabolism; buccal administration produced pharmacokinetic profiles closely resembling intravenous administration
  • Sublingual captopril provided faster time to peak concentration and more rapid blood pressure reduction than oral administration, where peak effect is delayed 1–2 hours
  • Peptide permeability coefficients (e.g., TRH, desmopressin) across buccal tissue were significantly lower than those of small lipophilic molecules, quantifying the barrier challenge for biologics
  • Buccal heparin delivery was abandoned after studies showed it required drug to cross 30–40 cellular layers to reach lamina propria vasculature, yielding unreliable absorption and inconsistent anticoagulation
  • Mucoadhesive patches and controlled-release buccal tablets demonstrated hormone delivery sustained over 6–12 hours, enabling patient compliance for hormones with short half-lives
  • Four distinct publication growth phases were identified via PubMed bibliometric analysis from 1950–2025, with the steepest growth occurring in the innovation phase (2010–2025) driven by nanoparticles, pediatric films, and FDA approvals

Methodik

Dies ist eine narrative und bibliometrische Übersichtsarbeit, die PubMed als primäre Quelle nutzt und die jährlichen Publikationszahlen von 1950 bis 2025 anhand der Suchanfrage „sublingual and buccal" erfasst. Als ergänzende Quellen wurden Scopus, Web of Science, ScienceDirect sowie regulatorische Dokumente der FDA, EMA und WHO herangezogen. Die Einschlusskriterien beschränkten sich auf begutachtete Publikationen und regulatorische Eintragungen (Orange Book) zu Formulierungstechnologien, therapeutischen Anwendungen und der Anatomie der oralen Mukosa. Es wurde keine metaanalytische statistische Zusammenführung vorgenommen; die Übersichtsarbeit ist qualitativ und historisch aufgebaut.

Studienlimitierungen

Als narratives Review ohne systematische Meta-Analyse oder PRISMA-Methodik ist die Arbeit anfällig für einen Selektionsbias hinsichtlich der hervorgehobenen Studien. Die bibliometrische Analyse stützt sich ausschließlich auf PubMed-Publikationszahlen als Näherungswert für das Wachstum des Forschungsfeldes, was möglicherweise nicht die gesamte einschlägige Literatur erfasst. Es wurden keine Interessenkonflikte angegeben, und die Studie erhielt keine externe Förderung; allerdings geht das Review nicht auf den Publikationsbias innerhalb der zitierten Primärstudien ein.

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