Neuer globaler Konsens verkürzt präoperative Fastenzeiten zum Schutz der Patienten
Internationale Experten sind sich einig: Verlängertes präoperatives Fasten schadet Patienten. Neue Leitlinien empfehlen klare Flüssigkeiten bis zu 2 Stunden vor dem Eingriff.
Zusammenfassung
Ein internationales multidisziplinäres Gremium aus 68 Experten nutzte ein dreistufiges Delphi-Verfahren, um die Leitlinien zum perioperativen Fasten zu aktualisieren. Der Konsens ergab, dass bestehende Leitlinien häufig dazu führen, dass Patienten deutlich länger als notwendig fasten – mitunter mehr als 14 Stunden ohne Nahrung und mehr als 9 Stunden ohne Flüssigkeit. Es wurden acht Empfehlungen verabschiedet: Die 6-stündige Nahrungskarenz vor Narkose bleibt bestehen, jedoch wird die Zufuhr klarer Flüssigkeiten bis 2 Stunden vor der Anästhesie ausdrücklich empfohlen. Krankenhäuser werden aufgefordert, noch liberalere Protokolle einzuführen. Die orale Nahrungsaufnahme nach dem Eingriff soll so früh wie klinisch vertretbar wieder aufgenommen werden. Die Leitlinie zielt darauf ab, Patientenbeschwerden, metabolischen Stress, beeinträchtigte Erholung und Muskelschwäche durch unnötig verlängertes Fasten zu reduzieren – bei gleichzeitiger Wahrung ausreichender Sicherheitsabstände gegenüber pulmonaler Aspiration.
Detaillierte Zusammenfassung
Präoperatives Fasten ist eine seit langem etablierte Sicherheitspraxis, die dazu dient, das Risiko einer pulmonalen Aspiration während der Anästhesie zu reduzieren. Realdaten zeigen jedoch, dass Patienten routinemäßig deutlich länger fasten als die Leitlinien empfehlen – in einigen Fällen über 14 Stunden ohne Nahrung und 9 Stunden ohne Flüssigkeit. Diese verlängerte Entbehrung wird mittlerweile als eigenständig schädlich anerkannt: Sie verursacht Dehydratation, Angst, metabolische Dysregulation, eine beeinträchtigte Immunantwort, verzögerte Darmerholung und verminderte Muskelkraft. Die wachsende Evidenzlage hat eine internationale Initiative ausgelöst, die Fastenempfehlungen so zu aktualisieren, dass Sicherheit und Patientenwohl in Einklang gebracht werden.
Der Konsens wurde durch eine systematische Literaturrecherche und anschließend einen strukturierten dreistufigen Delphi-Prozess mit 68 Stakeholdern aus fünf Kontinenten erarbeitet. Das Gremium war bewusst multidisziplinär zusammengesetzt und umfasste Anästhesisten, Chirurgen, Ärzte, Pflegepersonal und Patientenvertreter sowie Repräsentanten internationaler Fachorganisationen. Dreizehn Empfehlungsentwürfe wurden in den Delphi-Runden iterativ überarbeitet, bis ein Konsens über acht abschließende Empfehlungen erzielt wurde.
Die zentralen Erkenntnisse bestätigen die etablierte 6-stündige präoperative Nahrungskarenz für feste Speisen und nicht klare Flüssigkeiten (8 Stunden nach einer schweren oder fetthaltigen Mahlzeit), empfehlen jedoch ausdrücklich, dass Patienten klare Flüssigkeiten – darunter Wasser, Tee, schwarzen Kaffee und Saft ohne Fruchtfleisch – bis 2 Stunden vor Beginn der Anästhesie oder Sedierung zu sich nehmen. Entscheidend ist, dass das Gremium empfiehlt, dass Einrichtungen Protokolle entwickeln und einführen, die eine noch großzügigere Zufuhr klarer Flüssigkeiten ermöglichen – potenziell bis unmittelbar bevor Patienten zu ihrem Eingriff gerufen werden. Speichelanregende Mittel wie Kaugummi oder Bonbons dürfen ebenfalls bis zum Transfer verwendet werden. Postoperativ sollte die orale Nahrungsaufnahme so früh wie klinisch vertretbar wiederaufgenommen werden.
Der Konsens erkennt auch die Rolle des präprozeduralen gastralen Ultraschalls als Instrument an, das geschulte Anwender einsetzen können, um den Mageninhalt zu beurteilen und klinische Entscheidungen zu leiten, wenn Unsicherheit bezüglich des Aspirationsrisikos besteht – beispielsweise bei Patienten mit verzögerter Magenentleerung oder anderen Risikofaktoren.
Diese Empfehlungen stellen einen bedeutenden Paradigmenwechsel dar: Anstatt standardmäßig auf starre Nüchternheitsanordnungen ab Mitternacht zurückzugreifen, fordert die Leitlinie ein patientenzentriertes, evidenzbasiertes Fasten, das unnötige Entbehrungen minimiert. Liberalisierte Protokolle für klare Flüssigkeiten werden durch eine wachsende Evidenz gestützt, wonach die Magenentleerung klarer Flüssigkeiten rasch erfolgt und deren Zufuhr kurz vor der Anästhesie das Aspirationsrisiko bei Standardoperationspopulationen nicht nennenswert erhöht. Das Gremium erkennt an, dass besondere Patientengruppen – darunter Personen mit Gastroparese, Adipositas oder Notfalloperationen – einer individualisierten Beurteilung bedürfen und durch diese allgemeinen Empfehlungen nicht vollständig abgedeckt werden.
Wichtigste Erkenntnisse
- Clear liquids should be encouraged until 2 hours before anaesthesia; institutions may adopt even more liberal protocols.
- Solid food and non-clear liquids should still be avoided for at least 6 hours pre-procedure (8 hours after a heavy meal).
- Prolonged fasting harms patients via dehydration, metabolic stress, impaired immunity, delayed bowel recovery, and muscle weakness.
- Gastric ultrasound by trained providers can guide decisions when aspiration risk is uncertain.
- Oral intake post-operatively should resume as soon as clinically feasible to support recovery.
Methodik
Eine systematische Literaturübersicht bildete die Grundlage für 13 Empfehlungsentwürfe, die in einem dreirundigen Delphi-Konsensverfahren weiterentwickelt wurden. 68 internationale, multidisziplinäre Interessenvertreter nahmen teil, darunter Kliniker, Pflegefachkräfte, Patientenvertreter und Vertreter von Fachgesellschaften aus fünf Kontinenten.
Studienlimitierungen
Der Konsens befasst sich nicht mit speziellen Hochrisikogruppen wie Patienten mit Gastroparese, morbider Adipositas oder solchen, die sich einem Notfalleingriff unterziehen, bei denen eine individualisierte Fastenbewertung erforderlich ist. Die Empfehlungen basieren teilweise auf Expertenmeinungen, wo Evidenz aus klinischen Studien begrenzt ist, und die praktische Umsetzung wird davon abhängen, inwieweit Einrichtungen bereit sind, die fest verankerten „Nüchternheit ab Mitternacht"-Regelungen zu überarbeiten.
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