Kraft- und Ausdauertraining ergänzen sich stärker als bisher angenommen
Eine wegweisende Übersichtsarbeit stellt das Dogma des „Interferenzeffekts" in Frage und zeigt, dass gleichzeitiges Kraft- und Ausdauertraining nicht nur möglich ist, sondern die Leistung sogar steigern kann.
Zusammenfassung
Eine umfassende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 in *Medicine & Science in Sports & Exercise* stellt die seit Langem verbreitete Annahme in Frage, dass Kraft- und Ausdauertraining sich gegenseitig ausschließen. Während der sogenannte „Interferenzeffekt" – wonach Ausdauertraining den Aufbau von Explosivkraft hemmt – das sportwissenschaftliche Denken seit Hicksons wegweisender Arbeit von 1980 geprägt hat, zeigen neuere Belege, dass kombiniertes Training weder Muskelhypertrophie noch Kraft bei untrainierten bis moderat trainierten Personen beeinträchtigt. Die explosive Spitzenleistung bleibt die am stärksten gefährdete Eigenschaft. Über das gesamte Spektrum – von jungen gesunden Erwachsenen bis hin zu älteren Erwachsenen und klinischen Populationen – sind kritische Leistung und anaerobe Kapazität (W′) positiv miteinander korreliert, was die Vorstellung von zwei gegensätzlichen Polen untergräbt. Die Autoren stellen den musculo-cardio-pulmonary exercise test (mCPET) als neuartiges integratives Beurteilungsverfahren vor, das neuromuskuläre Leistung und aerobe Ausdauerkapazität miteinander verknüpft.
Detaillierte Zusammenfassung
Die seit Langem verbreitete Annahme, dass Kraft- und Ausdauertraining grundlegend antagonistische Anpassungen hervorrufen, hat die Trainingsempfehlungen seit Jahrzehnten geprägt. Dieses narrative Review von Ferguson, Furrer, Murach, Hepple und Rossiter aus dem Jahr 2025 überprüft diese Annahme systematisch anhand mechanistischer, klinischer und bevölkerungsbasierter Evidenz und kommt zu dem Schluss, dass maximale neuromuskuläre Leistung und Ausdauerkapazität eher komplementär als gegensätzlich sind.
Das Konzept des „Interferenzeffekts" geht auf Hicksons Studie von 1980 zurück, die zeigte, dass Ausdauertraining den Kraftzuwachs bei bisher untrainierten Personen abschwächt. Der vorgeschlagene Mechanismus beruht auf konkurrierender molekularer Signalgebung: Krafttraining aktiviert den anabolen Akt–mTORC1-Signalweg, während Ausdauertraining AMPK–PGC-1α aktiviert, wobei AMPK TSC2 phosphoryliert und dadurch mTORC1 hemmt. Die Autoren argumentieren jedoch, dass dieses mechanistische Modell – das größtenteils aus akuter elektrischer Muskelstimulation bei Ratten abgeleitet wurde – eine Vereinfachung der menschlichen In-vivo-Physiologie darstellt. Tatsächlich erhöhen beide Trainingsmodalitäten akut die Katecholamine, den Kortisol-Spiegel, den mechanischen Stress, das intrazelluläre Kalzium und den Hitzestress; zudem sind etwa 60 % der Gene, die 3 Stunden nach Ausdauertraining hochreguliert sind, auch nach Krafttraining erhöht.
Metaanalytische Evidenz und Übersichtsarbeiten von Murach und Bagley (2016) sowie Schumann et al. (2022) zeigen konsistent, dass kombiniertes Training die Muskelhypertrophie oder den Kraftzuwachs bei untrainierten oder moderat trainierten Personen nicht beeinträchtigt – unabhängig von der Ausdauermodalität, der Trainingshäufigkeit oder dem Alter. Eine anhaltende Schwachstelle bleibt die explosive maximale neuromuskuläre Leistung, die moderat abgeschwächt werden kann – was besonders für den Leistungssport relevant ist. Laufbasiertes Ausdauertraining kann darüber hinaus die Hypertrophie langsamer Muskelfasern stärker beeinträchtigen als Radfahren.
Entscheidend ist, dass beim Betrachten der Parameter des Leistungs-Dauer-Modells – kritische Leistung (CP) und W′ – über ein breites biologisches Spektrum (junge Gesunde, ältere Gesunde, Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz, COPD-Patienten) eine signifikante positive Korrelation hervortritt (r² = 0,589, P < 0,0001). Dieser populationsübergreifende Befund widerspricht direkt dem Dogma, dass hohe Spitzenleistung und hohe Ausdauerkapazität sich gegenseitig ausschließende Eigenschaften sind. Im Alterungsprozess, in dem sowohl die Muskelleistung als auch die aerobe Kapazität abnehmen (Letztere im Verhältnis zum VO₂max in späteren Lebensjahrzehnten schneller), bietet kombiniertes Training besondere Vorteile für den Erhalt der funktionellen Kapazität und der gesunden Lebensspanne.
Die Autoren stellen den musculo-cardio-pulmonary exercise test (mCPET) als integratives Beurteilungsinstrument vor, das die dynamometrische Messung der Spitzenleistung mit Standard-CPET-Variablen (VO₂max, Gasaustauschschwelle, kritische Leistung) kombiniert. Dieser Ansatz ermöglicht die simultane Charakterisierung neuromuskulärer und kardiopulmonaler Beiträge zur körperlichen Leistungsfähigkeit – ein Rahmenwerk mit hohem klinischen Nutzen für alternde Bevölkerungsgruppen, Patienten mit Herz- und Lungenerkrankungen sowie in Rehabilitationssettings. Die aktuellen Richtlinien für körperliche Aktivität befürworten bereits die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining zur Gesundheitsförderung; dieses Review liefert dafür eine mechanistische Begründung.
Wichtigste Erkenntnisse
- Concurrent training does not impair muscle hypertrophy or strength in untrained to moderately trained individuals.
- Explosive peak neuromuscular power is the quality most susceptible to interference from endurance training.
- Critical power (CP) and W′ are significantly positively correlated (r²=0.589) across populations from healthy young to disease states.
- ~60% of genes upregulated after endurance exercise are also elevated after resistance exercise, indicating major molecular overlap.
- The novel mCPET integrates peak neuromuscular power and aerobic endurance metrics into a single clinical assessment.
Methodik
Dies ist eine umfassende narrative Übersichtsarbeit, die mechanistische, meta-analytische und bevölkerungsbezogene Evidenz zusammenführt. Sie stützt sich auf molekulare Signalstudien, transkriptomische Analysen, klinische CPET-Datensätze aus Populationen von jungen Gesunden bis hin zu Patienten mit chronischen Erkrankungen sowie auf veröffentlichte Meta-Analysen zu Ergebnissen des kombinierten Trainings. Es wurden keine eigenen experimentellen Daten erhoben.
Studienlimitierungen
Als narrative Übersichtsarbeit unterliegt sie einem Selektionsbias und liefert keine gepoolten Effektgrößen aus einer systematischen Metaanalyse. Das Modell der molekularen Interferenz basiert in erster Linie auf akuten Stimulationsstudien an Nagetieren, die sich möglicherweise nicht vollständig auf chronisches freiwilliges Training beim Menschen übertragen lassen. Leistungssportler mit hohen Trainingsvolumina können dennoch relevante Interferenzeffekte erfahren, die in allgemeinen Bevölkerungsdaten nicht erfasst werden.
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