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Hautversagen bei kritischer Erkrankung entbehrt einer gesicherten Diagnose, schlussfolgern Experten

Ein multidisziplinärer Thinktank stellte fest, dass „Hautversagen" als eigenständige ICD-10-Diagnose für kritisch kranke Patienten nach wie vor unzureichend definiert und nicht ausreichend belegt ist.

Sonntag, 12. Juli 2026 1 Aufruf
Veröffentlicht in J Wound Ostomy Continence Nurs
Close-up of aged human skin under clinical lighting, showing subtle discoloration and texture changes near a bony prominence, hospital setting

Zusammenfassung

Im August 2024 berief das National Pressure Injury Advisory Panel einen multidisziplinären Expertenkreis ein, um zu evaluieren, ob „Hautversagen" bei kritisch kranken Erwachsenen einen eigenen Diagnosecode rechtfertigt. Nach Sichtung der Literatur und eingehender Beratung kamen die Experten zu dem Schluss, dass nicht druckbedingtes Hautversagen keine klar etablierte Ätiologie, Pathophysiologie oder Histopathologie aufweist, die es von Druckverletzungen unterscheidet. Obwohl Hypoperfusion als zentraler Mechanismus angenommen wird, bestätigen weder veröffentlichte Fotografien noch Biopsiedaten eine eigenständige klinische Entität. Das Panel definierte Hautversagen als eine Verletzung, die trotz standardmäßiger Präventivmaßnahmen und ohne identifizierbare alternative Ursache auftritt, betonte jedoch, dass diese Definition nicht ausreicht, um einen spezifischen ICD-10-CM-Code zu begründen. Bevor Hautversagen als eigenständige Diagnose kodifiziert werden kann, ist umfangreiche weitere Forschung erforderlich.

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Detaillierte Zusammenfassung

Das Konzept des Hautversagens kursiert seit Jahrzehnten in der Wundversorgung und Intensivmedizin, bleibt jedoch unscharf definiert und klinisch umstritten. Das National Pressure Injury Advisory Panel (NPIAP) berief im August 2024 einen Think Tank ein, auf Anfrage der American Hospital Association, um zu prüfen, ob ein ICD-10-CM-Diagnosekode für Hautversagen gerechtfertigt sei. Das multidisziplinäre Gremium umfasste Fachleute aus Dermatologie, Intensivmedizin, Geriatrie, Palliativversorgung, Wund-/Stoma-/Kontinenzpflege und Chirurgie.

Das Gremium führte eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken MEDLINE, CINAHL, Embase, Scopus und Cochrane durch, die Begriffe wie akutes Hautversagen, Kennedy Terminal Ulcer, Trombley-Brennan Terminal Tissue Injury und Skin Changes at Life's End (SCALE) umfasste. Die Mitglieder sichteten Volltextabdrucke vor einer gemeinsamen Beratungssitzung. Die Recherche verfolgte die Ursprünge des Begriffs bis zu Irvine (1991) und dem anschließend von Langemo und Brown (2006) vorgeschlagenen Rahmenwerk zurück, das Hautversagen als akut, chronisch oder im Endstadium kategorisierte – allesamt verwurzelt in Hypoperfusion bei Organdysfunktion.

Eine zentrale Herausforderung bestand darin, Hautversagen von Druckverletzungen zu unterscheiden, insbesondere an druckbelasteten Körperstellen wie Kreuzbein und Fersen. Forschungsarbeiten von Nowicki und Kollegen ergaben, dass kritisch kranke Patienten mit schwerem Multiorganversagen (mittlerer SOFA-Score 11,9), die im Krankenhaus erworbene Druckverletzungen der Stadien 3–4 entwickelten, allesamt mehrere vasoaktive Substanzen benötigten, wobei viele auf Nierenersatztherapie oder ECMO angewiesen waren. Studien von Kalowes und Lee zeigten jedoch, dass Schaumstoffverbände am Kreuzbein eine Ulzeration auch bei Patienten unter Vasopressoren verhinderten, was die Hypothese untergräbt, dass Vasopressoren allein druckunabhängiges Hautversagen verursachen. Diese Belege deuten darauf hin, dass die Ätiologie multifaktoriell ist und sich nicht sauber von druckbedingten Mechanismen trennen lässt.

Der Think Tank gelangte zu fünf wichtigsten Erkenntnissen: (1) Nicht druckbedingtes Hautversagen sollte als Hautverletzung definiert werden, die trotz standardmäßiger Präventionsmaßnahmen ohne identifizierte alternative Ätiologie auftritt; (2) es lässt sich ätiologisch nicht klar von Druckverletzungen abgrenzen; (3) Hypoperfusion ist ein vorgeschlagener, aber nicht bestätigter Einflussfaktor; (4) eine histopathologische Beschreibung liegt nicht vor; und (5) keine veröffentlichten Fotografien zeigen akutes Hautversagen. Das Gremium stellte unmissverständlich fest, dass die aktuelle Evidenzlage die Zuweisung eines spezifischen Diagnose- oder Abrechnungskodes für Hautversagen nicht unterstützt.

Die klinischen Implikationen sind erheblich: Der Begriff wird in Krankenhäusern weitverbreitet verwendet, mitunter um das, was möglicherweise Druckverletzungen sind, als unvermeidbare Hautversagensereignisse umzuklassifizieren – mit dem potenziellen Risiko, Qualitätskennzahlen zu verschleiern und Haftungsfragen zu verschleiern. Solange keine reproduzierbare morphologische Beschreibung, kein natürlicher Krankheitsverlauf und kein histopathologisches Profil durch rigorose Forschung etabliert sind, besteht bei der Verwendung von Hautversagen als formale Diagnose die Gefahr, unterschiedliche Pathologien zu vermischen und die Rechenschaftspflicht bei der Prävention von Druckverletzungen zu untergraben.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Skin failure in critically ill adults currently lacks a distinct, evidence-based etiology separate from pressure injury.
  • Hypoperfusion is hypothesized as the primary mechanism, but no histopathological data or clinical photographs confirm this.
  • Foam sacral dressings prevented ulceration even in vasopressor-dependent patients, challenging a simple vasopressor-skin failure link.
  • The think tank defined skin failure as injury despite standard prevention with no identified cause, insufficient for a diagnostic code.
  • Critically ill patients with severe multi-organ failure (mean SOFA 11.9) show the highest risk for deep tissue pressure injuries, confounding skin failure diagnosis.

Methodik

Ein multidisziplinäres Expertengremium aus 13 Fachleuten trat im August 2024 zusammen, dem eine strukturierte Literaturrecherche in fünf Datenbanken (MEDLINE, CINAHL, Embase, Scopus, Cochrane) vorausging. Das Gremium nutzte Konzeptanalyse und Expertendiskussion anstelle von primärer Datenerhebung oder Meta-Analyse.

Studienlimitierungen

Das Think Tank stützte sich auf Expertenkonsens und ein narratives Literaturreview anstelle eines systematischen Reviews mit formaler Evidenzbewertung. Es wurden keine primären Daten erhoben, und das Fehlen veröffentlichter Histopathologie oder klinischer Fotografien bei akutem Hautversagen stellt eine grundlegende Evidenzlücke dar. Die geriatrische Vertretung war begrenzt, da kein Delegierter der American Geriatric Society verfügbar war.

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