Testosterontherapie verbessert Stimmung und Gehirnnebel bei Frauen in den Wechseljahren
Eine Pilotstudie mit 510 Frauen zeigt, dass transdermales Testosteron Stimmung, Kognition und Libido bereits nach nur 4 Monaten signifikant verbessert.
Zusammenfassung
Eine retrospektive Kohortenstudie aus dem Vereinigten Königreich mit 510 peri- und postmenopausalen Frauen ergab, dass die Ergänzung einer bestehenden HRT durch transdermales Testosteron alle neun erfassten Stimmungs- und Kognitionssymptome über einen Zeitraum von vier Monaten signifikant verbesserte. Die Stimmungsverbesserungen übertrafen die kognitiven Verbesserungen (47 % vs. 39 % der Frauen berichteten von Verbesserungen; mittlere Score-Reduktion: 34 % vs. 22 %). Die Libido verbesserte sich bei 52 % der Frauen und war damit mit den Stimmungsgewinnen vergleichbar. Diese Ergebnisse legen nahe, dass der Nutzen von Testosteron weit über die derzeit zugelassene Indikation der Störung mit vermindertem sexuellen Verlangen (Hypoactive Sexual Desire Disorder) hinausgeht und auf einen breiteren neuropsychiatrischen Einsatz im Rahmen des Menopausenmanagements hindeutet.
Detaillierte Zusammenfassung
Perimenopause und Menopause gehen mit sinkenden Testosteronspiegeln einher – bis zu 50% niedriger als bei jüngeren Frauen –, was zu Gehirnnebel, gedrückter Stimmung, Angstzuständen und Erschöpfung beitragen kann. Obwohl HRT (Östrogen ± Gestagen) die Standardbehandlung darstellt, leiden viele Frauen trotz adäquater Hormontherapie weiterhin unter kognitiven und psychologischen Symptomen. Diese Pilotstudie untersuchte, ob die zusätzliche Gabe von transdermalem Testosteron diese Restsymptome lindern könnte.
Die Forschenden führten eine retrospektive Kohortenstudie am Newson Health Menopause and Wellbeing Centre in Großbritannien durch. 510 Frauen (Durchschnittsalter 54; 34% perimenopausell, 66% postmenopausell), die sich seit mindestens drei Monaten in einer HRT befanden, jedoch weiterhin über geringe Libido sowie mindestens ein Stimmungs- oder kognitives Symptom berichteten, wurde transdermales Testosteron verschrieben – überwiegend AndroFeme 1%-Creme (87%). Der Schweregrad der Symptome wurde vor und ungefähr vier Monate nach Beginn der Testosterontherapie mithilfe einer modifizierten Greene Climacteric Scale (dem klinikinternen Menopause Symptom Questionnaire) erhoben, der drei kognitive und sechs Stimmungsitems sowie die Libido erfasste.
Alle neun kognitiven und stimmungsbezogenen Symptome verbesserten sich signifikant (alle p < 0,001). Die Stimmung verbesserte sich stärker als die Kognition: 47% der Frauen berichteten eine Verbesserung der Stimmung gegenüber 39% bei der Kognition, mit mittleren Scorereduktionen von 34% bzw. 22%. Die größten Einzelverbesserungen zeigten sich bei „Verlust des Interesses an den meisten Dingen" (56% verbessert) und „Weinkrämpfen" (55% verbessert). Die Libido verbesserte sich bei 52% der Frauen, ein Ausmaß, das den Stimmungsgewinnen ähnlich war. Die Prävalenz mittelschwerer bis schwerer Symptome sank in allen Bereichen erheblich.
Diese Ergebnisse haben bedeutsame klinische Implikationen. Testosteron ist derzeit ausschließlich für die hypoaktive sexuelle Appetenzstörung bei postmenopausalen Frauen zugelassen, doch diese Studie legt nahe, dass es darüber hinaus breitere neuropsychiatrische Vorteile bieten könnte – insbesondere für die Stimmung – und nicht nur für die Libido. Die unterschiedlich starke Verbesserung (Stimmung > Kognition) deutet darauf hin, dass Testosteron über unterschiedliche neurobiologische Pfade auf die jeweiligen Symptomcluster wirken könnte, was weitere mechanistische Untersuchungen erfordert. Die Feststellung, dass sich Stimmung und Libido in ähnlichem Maße verbesserten, stellt die enge Einordnung von Testosteron als rein sexualmedizinische Intervention zusätzlich in Frage.
Wichtige Vorbehalte dämpfen den Enthusiasmus. Die Studie ist retrospektiv, unkontrolliert und eingleisig, ohne Placebo-Arm, was es unmöglich macht, einen Placebo-Effekt, eine Regression zur Mitte oder Konfundierung durch gleichzeitige Antidepressiva-Einnahme (17% der Teilnehmenden) auszuschließen. Die Symptomerhebungen erfolgten per Selbstauskunft. Der viermonatige Follow-up-Zeitraum ist kurz, und Langzeitdaten zur Wirksamkeit und Sicherheit fehlen. Die Autoren fordern zu Recht randomisierte kontrollierte Studien, um diese Befunde zu bestätigen und herauszufinden, welche Frauen am ehesten profitieren dürften.
Wichtigste Erkenntnisse
- 47% of women reported mood improvement vs. 39% for cognition after 4 months of testosterone.
- Mean mood symptom scores fell 34%; cognitive symptom scores fell 22%; libido scores fell 33%.
- All 9 cognitive and mood symptoms improved significantly (all p < 0.001).
- Greatest improvements seen in 'loss of interest in most things' (56%) and 'crying spells' (55%).
- Libido improved comparably to mood, suggesting testosterone benefits extend beyond sexual desire.
Methodik
Retrospektive Kohortenstudie (n=510) an einer spezialisierten Menopauseklinik im Vereinigten Königreich, bei der eine modifizierte Greene Climacteric Scale vor und ca. 4 Monate nach Beginn einer transdermalen Testosteron-Therapie eingesetzt wurde. Eingeschlossen wurden ausschließlich Frauen mit bereits bestehender HRT-Anwendung, anhaltend niedriger Libido und mindestens einem Stimmungs- oder kognitiven Symptom; für die Analyse wurden gepaarte t-Tests und der McNemar-Test verwendet.
Studienlimitierungen
Das Fehlen einer Placebo-Kontrollgruppe bedeutet, dass ein Placebo-Effekt und eine Regression zur Mitte nicht ausgeschlossen werden können. Die Studie ist retrospektiv und monozentrisch; 17 % der Teilnehmer erhielten gleichzeitig Antidepressiva, was potenzielle Störvariablen einführt. Selbstberichtete Symptomscores und ein kurzes Follow-up von 4 Monaten schränken die Schlussfolgerungen zur Langzeitwirksamkeit und -sicherheit ein.
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