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ESHRE gibt 44 Empfehlungen zur Erhaltung der Fertilität bei Jungen vor einer Krebsbehandlung heraus

Neue ESHRE-Leitlinien definieren Best Practices für die Kryokonservierung von Hodengewebe bei Kindern, die gonadotoxischen Therapien ausgesetzt sind, und umfassen Kriterien zur Eignung, Beratung sowie Biopsieprotokolle.

Sonntag, 7. Juni 2026 4 Aufrufe
Veröffentlicht in Hum Reprod
A pediatric surgeon in blue surgical scrubs performing a testicular biopsy under bright operating theatre lights, with a sterile specimen container on a tray beside the surgical field

Zusammenfassung

Die Europäische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) hat 44 Expertenempfehlungen auf Konsensbasis veröffentlicht, die die Fertilitätsprotektion für präpubertäre Jungen und adoleszente männliche Patienten leiten sollen, die vor einer gonadotoxischen Krebsbehandlung keine Spermien produzieren können. Die Kryokonservierung von Hodengewebe (TTC) wird zunehmend als einzig praktikable Option für diese Patienten angeboten. Weltweit haben sich mehr als 3.000 Jungen dem Eingriff unterzogen, wobei sich die Zahlen innerhalb von fünf Jahren verdoppelt haben. Die Leitlinien umfassen die Programmgestaltung, Patienteneignung, Beratung, chirurgische Biopsietechniken, Gewebeverarbeitung, Qualitätskontrolle und Langzeitlagerung. Entwickelt von einer multidisziplinären europäischen Arbeitsgruppe und einem Peer-Review durch 22 externe Interessenvertreter unterzogen, zielen sie darauf ab, die Versorgung zu standardisieren, und weisen gleichzeitig auf Bereiche hin, in denen dringend weitere Forschung erforderlich ist, bevor die klinische Wiederherstellung der Fruchtbarkeit zur Routinepraxis wird.

Detaillierte Zusammenfassung

Die Überlebensraten bei Kindern mit Krebs haben sich deutlich verbessert, jedoch können gonadotoxische Chemotherapie und Strahlentherapie die Spermatogoniale Stammzellen (SSCs) dauerhaft zerstören, die die zukünftige Fruchtbarkeit sichern. Für postpubertäre Männer bietet die Spermakryokonservierung eine unkomplizierte Lösung. Für präpubertäre Jungen und Jugendliche, die noch keine Spermien produzieren können, ist die Hodengew­ebskryokonservierung (TTC) jedoch die einzige verfügbare Strategie – und bis vor Kurzem existierte kein internationaler Konsens darüber, wie sie sicher und einheitlich durchgeführt werden sollte.

Die ESHRE Working Group on Fertility Preservation for Boys führte bis September 2024 eine systematische Literaturrecherche über PubMed/MEDLINE und die Cochrane Library durch. Ein multidisziplinäres Gremium – bestehend aus Fachleuten der pädiatrischen Onkologie, reproduktiven Endokrinologie, Andrologie, Chirurgie, Gewebebanking, Stammzellwissenschaft, Pflege und Ethik – synthetisierte die Evidenz und erzielte Konsens über 44 Good Practice Recommendations in sechs Hauptbereichen. Der Entwurf durchlief eine offene Stakeholder-Überprüfung und erhielt 172 Kommentare von 22 unabhängigen Gutachtern, die alle vor der endgültigen Veröffentlichung berücksichtigt wurden.

Ein auffälliger Hintergrund der Leitlinien ist die rasche Verbreitung der TTC: Eine aktuelle internationale Umfrage dokumentierte mehr als 3.000 weltweit durchgeführte Eingriffe, wobei sich die Zahl innerhalb von nur fünf Jahren verdoppelt hat. Trotz dieses Wachstums ist die klinische Nutzung des kryokonservierten Gewebes zur Wiederherstellung der Fruchtbarkeit beim Menschen noch unbewiesen. Die Empfehlungen unterscheiden daher klar zwischen dem etablierten Verfahren (Gewebebanking) und der experimentellen Anwendung (künftige Transplantation oder In-vitro-Reifung) und fordern eine transparente Beratung der Patienten und ihrer Familien, um realistische Erwartungen zu setzen.

Wesentliche klinische Empfehlungen betreffen die Frage, wem TTC angeboten werden sollte – in erster Linie Jungen, die hochriskanten gonadotoxischen Behandlungsprotokollen ausgesetzt sind (z. B. alkylierende Substanzen oberhalb von Schwellendosen, Ganzkörperbestrahlung), bei denen das Azoospermierisiko ~50 % übersteigt. Die Leitlinien legen fest, dass ein multidisziplinäres Team unerlässlich ist, mit einem designierten „Divisional Champion", der eine zeitgerechte Überweisung vor Behandlungsbeginn sicherstellt. Die chirurgische Biopsiemethodik, die Menge des entnommenen Gewebes, Kryoprotektionsprotokolle, Qualitätskontrollmarker (SSC-Vitalität, Funktion somatischer Zellen) und Biobanking-Standards werden allesamt detailliert behandelt. Die Empfehlungen fordern außerdem eine systematische histologische Beurteilung des Biopsiegewebes sowie die Führung prospektiver Register zur Nachverfolgung von Patientenergebnissen durch die Zentren.

Die Arbeitsgruppe hebt ausdrücklich mehrere ungelöste Forschungslücken hervor: Bisher wurde keine menschliche Lebendgeburt nach Transplantation unreifen Hodengewebes oder In-vitro-Reifung von SSCs berichtet; die onkologische Sicherheit der autologen Geweberücktransplantation (Risiko der Wiedereinbringung maligner Zellen) ist bei hämatologischen Krebserkrankungen ungeklärt; und optimale Kryokonservierungsprotokolle bleiben umstritten. Die Leitlinien ordnen TTC daher als ein Verfahren ein, das im Rahmen eines ethisch fundierten, forschungsaktiven Rahmens angeboten wird – und kein Routineverfahren darstellt –, während sie gleichzeitig argumentieren, dass das Vorenthalten dieser Option Jungen ihrer einzigen verfügbaren Absicherung ihrer Fruchtbarkeit beraubt. Die Zentren werden aufgefordert, an nationalen und europäischen Registern teilzunehmen, um die Evidenzbasis voranzutreiben, die für den Übergang von der Gewebelagerung zur tatsächlichen Wiederherstellung der Fruchtbarkeit erforderlich ist.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Over 3,000 boys worldwide have undergone testicular tissue cryopreservation, with the number doubling in the past 5 years, reflecting rapid clinical adoption despite unproven fertility restoration.
  • 44 consensus recommendations were formulated across domains including program setup, eligibility criteria, counselling, surgical biopsy, tissue processing, quality control, and long-term storage.
  • The working group received 172 stakeholder comments from 22 independent reviewers during open peer review, all adjudicated before final publication.
  • High-risk gonadotoxic regimens — including alkylating agents above threshold doses and total body irradiation — are identified as primary eligibility triggers due to >50% azoospermia risk.
  • No human live birth from immature testicular tissue transplantation or in vitro maturation of spermatogonial stem cells has yet been reported, underscoring the experimental nature of future clinical applications.
  • Oncological safety of autologous tissue retransplantation remains unresolved, particularly for haematological malignancies where malignant cell contamination of stored tissue is a documented concern.
  • A multidisciplinary team including oncology, reproductive endocrinology, surgery, nursing, mental health, and ethics is identified as essential infrastructure for any TTC programme.

Methodik

Dies ist ein Artikel mit ESHRE Good Practice Recommendations (GPR), der nach einer vordefinierten Methodik entwickelt wurde: Eine multidisziplinäre Arbeitsgruppe führte eine systematische Literaturrecherche in PubMed/MEDLINE und der Cochrane Library bis zum 22. September 2024 durch, sichtete alle Titel und Abstracts, sammelte Volltexte und synthetisierte die Evidenz nach Fachbereichen. Als kritische Endpunkte galten die Integrität des Hodengewebes und das Überleben spermatogonialer Stammzellen; wichtige Endpunkte umfassten das Überleben und die Funktion somatischer Zellen. Ein Konsens über 44 Empfehlungen wurde durch iterative Diskussionen innerhalb der Arbeitsgruppe erzielt. Der Entwurf durchlief eine offene Begutachtung durch Stakeholder (172 Kommentare, 22 Gutachter) und wurde entsprechend überarbeitet. Es wurden weder randomisierte kontrollierte Studien noch formale Metaanalysen durchgeführt; das Dokument stellt einen durch die verfügbare Literatur gestützten Expertenkonsens dar.

Studienlimitierungen

Diese Empfehlungen basieren auf Expertenkonsens und nicht auf hochwertigen randomisierten Studiendaten, da für TTC-Ergebnisse beim Menschen nur sehr begrenzte kontrollierte Daten vorliegen. Der klinische Einsatz von gelagertem Gewebe zur Wiederherstellung der Fertilität bleibt vollständig experimentell, da bislang keine bestätigten Lebendgeburten beim Menschen dokumentiert sind – was die Möglichkeit einschränkt, evidenzbasierte Empfehlungen für zukünftige Anwendungen auszusprechen. Die Finanzierung erfolgte ausschließlich durch ESHRE ohne erklärte externe Interessenkonflikte, wobei die inhärent expertengetriebene Methodik ein potenzielles Risiko für einen Konsensbias mit sich bringt.

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